So weit sind wir also schon, dass wir nicht mehr durch gesangliches Talent und gute Ideen überzeugen können, sondern ganz plump zur Allzweckwaffe "Sex sells!" greifen müssen, um uns beim musikalischen Ländervergleich noch Siegeschancen ausrechnen zu können. Der ehemalige Grand Prix verkommt so immer mehr zu einer Lachnummer. Das deutsche Rezept 2009 ist denkbar einfach: Nach Lordi-Monstern und der Russlana-Amazone sollen die Zuschauer nun für die wippenden Oberweite einer fast nackten Tänzerin anrufen. Kein Zweifel, das könnte funktionieren.
Den nationalen Vorentscheid hat man sich bei uns dieses Jahr gleich komplett verkniffen. Eine Farce ist die Punktevergabe im Finale ja schon länger, da sich unsere osteuropäischen Nachbarn sowieso gegenseitig immer schön die Punkte zuschachern. Da braucht man natürlich schlagende Argumente und die hat man an Dita Von Theese sicher gefunden. Ob sich die wiedereingeführte Jury davon beeindrucken lässt wird sich zeigen.
Ich bin gespannt, wie Deutschland am 16. Mai abschneiden wird. Die größte deutsche Boulevard-Zeitung brachte es vor ab mal wieder sehr schön auf den Punkt: Deutschland Sex Punkte! Aber schlimmer blamieren als mit den No Angels oder Gracia können wir uns ja eigentlich gar nicht mehr, oder vielleicht doch? Für den Song an sich interessiert sich ja sowieso kein Schwein. Aber bitte worum ging es bei dieser Veranstaltung noch mal?
Bei uns geht's wie immer um die wichtigsten Veröffentlichungen der Musikwoche. Wegen des Feiertags stehen die Neuerscheinungen erst am Samstag in den Regalen. Wir empfehlen Ben Harper, Kleerup, Peaches, Marmaduke Duke und die Gallows.
(me) Mit unseren Hör-Geräten halten wir Sie jede Woche über die neuesten Hits auf dem Laufenden. Lahme Sounds haben natürlich keine Chance, wir picken nur die Pop-Perlen für Sie heraus. Diese lassen sich mit wenigen Klicks ganz bequem als DRM-freie MP3s von Nowdio downloaden.
Sagen immer was Sache ist: Gallows [Quelle: siehe Bildergalerie]
Black Eyes von Gallows aus dem Album Grey Britain (Warner) Der Hybride aus Hardcore-Punk und Metal ist in seiner Wut und Wucht äußerst glaubhaft und überzeugend. Sänger Frank Carter klingt authentisch, wenn er sich durch die 13 Songs brüllt und im besten Fall wie ein Punk-Shouter der Achtziger schreit. Das alte Problem: Je besser man spielt, desto eher verrät man den Punk. Nicht alle Fans werden mit der Scheibe glücklich sein, dafür wird es neue geben.
(st) With Every Heartbeat von Kleerup (With Robyn) aus dem Album Kleerup (EMI) Gänsehaut umspannt meinen ganzen Körper - und es liegt nicht am regnerisch-kalten Wetter. Schuld ist vielmehr die hübsche Schwedin Robyn, die mit herrlich leidender Stimme ein erhebendes Stück Herzschmerz zelebriert. Die dezenten Elektro-Beats besorgt Musikproduzent Andreas Per Kleerup; Streicher perfektionieren den feinen Elektropop, der im Single-Format bereits 2007 erschien. So schön kann Liebeskummer klingen.
(ar)
Ben Harper mit den drei Musiker von Rentless7. [Quelle: siehe Bildergalerie]
Show Stopper von Peaches aus dem Album I Fell Cream (XL/Beggars / Indigo) Die in Berlin lebende Kanadierin präsentiert ihr bislang poppigstes Album. Bekannt für ihren sexuell provokativen Electroclash, liefert sie jetzt in erster Linie durch überzeugende Grooves auffallende Tracks und erst bei genauem Hinhören wartet sie hier und da mit kontroversen Texten auf. Die harten Rocksounds sind bis auf wenige Ausnahmen gefälligeren elektronischen Klängen gewichen. Eine tolle Weiterentwicklung von
Impeach The Bush aus dem Jahr 2006.
(st) Skin The Mofo von Marmaduke Duke aus dem Album Duke Pandemonium (14th Floor / Rough Trade) Welchen Sound haben Sie vor Ohren, wenn ich Ihnen nur den zugehörigen Text verrate: "Skin the Motherfu....s alive"? Grunzenden Death-Metal? Brachialen Grindcore? Hasstriefenden Hardcore-Punk? In jedem der Fälle sollten Sie eine persönliche Horizonterweiterung in Erwägung ziehen. Duke Pandemonium hat tatsächlich keine Probleme damit, seinen wüsten Text mit lieblichen Karibik-Klängen zu konterkarieren. Witzige Geschichte.
(ar) Why Must You Dress in Black von Ben Harper and Relentless7 aus dem Album White Lies For Dark Times (Virgin USA / EMI) Die neue Begleitband von Ben Harper heißt zwar Relentless7, sie sind aber nur zu dritt. Der Song überzeugt mit schnörkellosen, druckvollen Retro-Rock. Harpers Stimme klingt dabei wie eine Mischung aus Jimi Hendrix, Lenny Kravitz und Tom Petty. Modern ist hier nichts, dafür sehr viel sympathisch altmodisch. Das Image des Folk-Barden à la Jack Johnson legt Harper hiermit wohl endgültig ab.
(st)
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